Ja, richtig gelesen. Vielleicht siehst du diesen Artikel gar nicht. Nicht, weil er unwichtig ist. Nicht, weil du ihn nicht lesen würdest. Sondern weil zwischen dir und uns inzwischen Facebook, Google, KI-Antworten und jede Menge Reichweitenlogik stehen.

Hallo, hier ist Tom von Mimikama!
Normalerweise schreibe ich Faktenchecks, Warnungen und Einordnungen zu Falschmeldungen, Betrug und digitalem Unsinn. Heute mache ich das bewusst einmal nicht auf Mimikama.org, sondern hier auf Medienachtsamkeit.
Nicht, weil das Thema weniger mit Mimikama zu tun hätte. Im Gegenteil. Es geht um etwas, das uns seit Jahren begleitet: die Frage, wie digitale Aufklärung Menschen überhaupt noch erreicht, wenn Facebook entscheidet, was im Feed auftaucht, Google entscheidet, was gefunden wird, und KI-Systeme Antworten liefern, bei denen viele Menschen gar nicht mehr auf die ursprünglichen Quellen klicken.
Klingt mühsam? Ist es auch. Willkommen in der digitalen Aufklärung im Jahr 2026: Man schreibt nicht nur für Menschen, sondern ständig auch gegen Systeme an, die jeden Monat neue Regeln erfinden und trotzdem so tun, als wäre das alles ganz normal.
Wenn man beim Scrollen nur noch „weg da“ denkt
Manchmal liegt es vielleicht am Alter. Vielleicht auch nicht. Vielleicht ist Facebook wirklich so komisch geworden, wie es sich anfühlt.
Man scrollt durch Meldungen, Kommentare, Empörung, Medienhäppchen, Halbwissen, Trotz, Wut, schlechte Screenshots und die immer gleichen „Das muss man doch noch sagen dürfen“-Momente. Irgendwann denkt man nicht mehr: „Das müssten wir erklären.“ Man denkt nur noch: „Weg da.“
Und dann kommt dieser zweite Gedanke, der etwas unangenehmer ist.
Braucht es das alles noch?
Braucht es wirklich die hundertste Erklärung, dass diese angebliche Facebook-Mail keine echte Facebook-Mail ist? Braucht es noch einen Text darüber, warum Kinderbilder nicht ins Netz gehören? Noch einen Hinweis auf Phishing? Noch eine Einordnung, warum irgendein Screenshot ohne Quelle kein Beweis ist?
Die Menschen, die es längst verstanden haben, brauchen die Erklärung scheinbar nicht. Die Menschen, die sie dringend bräuchten, lesen sie oft nicht. Und dazwischen sitzt man, schaut auf den nächsten Unsinn und fragt sich, ob man müde ist oder ob das System gerade wirklich so absurd geworden ist.
Vielleicht ist die ehrliche Antwort: beides.
Wer lange genug gegen Desinformation, Betrug und digitalen Unsinn anschreibt, wird nicht automatisch zynisch. Aber man wird müde. Nicht, weil die Themen unwichtig geworden wären, sondern weil sie sich so hartnäckig wiederholen. Phishing verschwindet nicht, nur weil man es erklärt hat. Falsche Facebook-Meldungen sterben nicht aus, nur weil man sie hundertmal widerlegt hat. Und Menschen hören nicht auf, Kinderfotos ins Netz zu stellen, nur weil ihnen jemand sagt, dass das keine gute Idee ist.
Das ist der frustrierende Teil von Aufklärung: Sie erledigt das Problem nicht endgültig. Sie hält oft nur die Tür auf, damit Menschen rechtzeitig durchkommen, bevor sie in etwas hineinlaufen.
Vielleicht ist genau das der Punkt.
Mimikama wird nicht gebraucht, weil alle unsere Texte lesen. Mimikama wird gebraucht, weil immer wieder jemand im richtigen Moment eine Erklärung findet. Jemand, der gerade eine SMS bekommen hat. Jemand, der fast auf einen Link geklickt hätte. Jemand, der ein Bild teilen wollte und dann doch kurz nachdenkt. Jemand, der im Familienchat nicht mehr nur „Blödsinn!“ schreiben will, sondern eine brauchbare Antwort braucht.
Das ist nicht so spektakulär wie zu Corona-Zeiten, als alles brannte und man im Stundentakt posten konnte. Damals war der Druck sichtbar. Heute ist er verteilter, leiser, nerviger. Aber er ist nicht weg.
Vielleicht braucht Mimikama heute nicht mehr den alten Takt. Nicht jeden Tag fünf Posts, nicht jede Kleinigkeit, nicht jedes digitale Störgeräusch als Alarmmeldung. Vielleicht braucht es weniger Masse und mehr Wirkung. Weniger „auch noch schnell erklären“, mehr „das bleibt hängen“. Weniger Dauerfeuer, mehr Orientierung.
Denn die Frage ist nicht nur: Braucht man Mimikama noch?
Die bessere Frage lautet: Wie muss Mimikama heute aussehen, damit es nicht selbst im Lärm untergeht?
Vielleicht ist die Antwort nicht, noch schneller zu posten. Vielleicht ist die Antwort, klarer zu werden. Besser zu sortieren. Mehr einzuordnen. Weniger jedem Mist hinterherzulaufen und mehr die Mechanismen zu erklären, die diesen Mist jeden Tag neu ausspucken.
Facebook ist komisch geworden. Ja. Vielleicht sogar kaputt auf eine sehr langweilige, anstrengende Art. Aber genau deshalb braucht es Orte, die nicht einfach mitschreien. Orte, die sagen: Moment. Quelle? Kontext? Wem nützt das? Was soll ich jetzt tun?
Und manchmal reicht das schon.
Nicht für alle. Nie für alle.
Aber für die, die gerade noch rechtzeitig vor dem Klick stehen.
Also ja: Kaffee machen. Kurz seufzen. Dann weitermachen.
Nur vielleicht anders als früher.
Man schreibt nicht nur für Menschen. Man schreibt auch für Maschinen.
Und dann gibt es noch diese technische Müdigkeit, über die man selten spricht, weil sie so trocken klingt. Aber sie frisst Zeit, Nerven und manchmal auch jede Lust am Schreiben.
Man schreibt ja nicht einfach einen Text, veröffentlicht ihn und hofft, dass Menschen ihn lesen. Schön wär’s. Man schreibt gleichzeitig für Facebook, für Google, für Suchmaschinen, für Vorschauformate, für Algorithmen, für Reichweitenlogiken, für irgendwelche Systeme, die heute dies belohnen und morgen das Gegenteil davon.
Bei Facebook hieß es irgendwann: Schreib kurz. Dann wieder: Bilder funktionieren besser. Dann: Links sind schwierig, weil Menschen die Plattform verlassen. Dann: Vielleicht Link in den ersten Kommentar. Dann bloß kein „Teilt das“. Bloß kein Clickbait. Bloß nicht zu viel Text. Aber auch nicht zu wenig. Möglichst emotional, aber nicht zu emotional. Reichweitenstark, aber bitte nicht so, dass es nach Reichweitenabsicht aussieht.
Irgendwann sitzt man vor einem Beitrag und fragt sich nicht mehr nur: „Ist das verständlich?“ Man fragt sich: „Mag Facebook das heute überhaupt noch?“ Ein Satz, der in einem gesunden Informationssystem eigentlich nichts verloren hätte.
Bei Google war es nicht viel anders. Jahrelang wurde erklärt, wie man Seiten für Suchmaschinen aufbereitet: Keywords in den Titel, in die URL, in die Meta-Beschreibung, in Zwischenüberschriften, interne Links, externe Links, saubere Struktur, HTML prüfen, Schema optimieren, alles anfassen, alles verbessern, alles so bauen, dass Google versteht, was Menschen längst verstanden hätten.
Und jetzt verschiebt sich wieder alles. Plötzlich geht es um Helpful Content, um direkte Antworten, um KI-Zusammenfassungen, um Suchergebnisse, die die Antwort schon liefern, bevor jemand überhaupt auf eine Seite klickt. Gleichzeitig fragen immer mehr Menschen nicht mehr Google, sondern ChatGPT oder andere Systeme. Also schreibt man wieder anders. Oder soll anders schreiben. Oder glaubt zumindest, wieder anders schreiben zu müssen.
Das Mühsame daran ist nicht Veränderung an sich. Das Mühsame ist, dass Aufklärung dadurch ständig in einem fremden Spiel stattfindet. Man will Menschen erreichen, muss aber zuerst an Systemen vorbei, die nach eigenen Regeln sortieren, drosseln, belohnen, bestrafen oder verschwinden lassen.
Und genau das macht müde.
Nicht nur die Falschmeldung. Nicht nur der nächste Phishing-Link. Nicht nur der hundertste Screenshot mit rotem Kreis. Sondern dieses dauernde Gefühl, dass man die Arbeit nicht nur inhaltlich machen muss, sondern auch gegen die Infrastruktur, in der sie überhaupt sichtbar werden soll.
Man schreibt gegen Desinformation. Gegen Betrug. Gegen Müdigkeit. Und nebenbei noch gegen Plattformen, die jeden Monat so tun, als hätten sie gerade erst entdeckt, wie Information funktionieren sollte.
Vielleicht ist das der Punkt, an dem man ehrlich sagen muss: Mimikama braucht nicht nur neue Themen. Mimikama braucht eine neue Form von Gelassenheit. Nicht jedem Algorithmus hinterherlaufen. Nicht jede neue Plattformregel als Naturgesetz behandeln. Nicht alles umwerfen, nur weil wieder jemand irgendwo „Content muss jetzt anders“ ruft.
Am Ende bleibt nämlich eine ziemlich alte Wahrheit: Ein guter Text muss verstanden werden. Er muss auffindbar sein, ja. Er muss sauber gebaut sein, klar. Aber wenn er nur noch für Systeme geschrieben wird, verliert er genau die Menschen, für die er eigentlich gedacht war.
Vielleicht müssen wir aufhören, zuerst für Plattformen zu schreiben
Vielleicht liegt genau darin ein Teil der Antwort. Vielleicht müssen wir uns nicht mehr jeden Tag fragen, was Facebook heute bevorzugt, was Google morgen belohnt und welche neue Regel übermorgen wieder alles umwirft. Vielleicht ist es für Mimikama, und auch für die Menschen, die uns wirklich lesen wollen, besser, wenn wir einen Teil dieses Spiels bewusst verlassen.
Denn am Ende schreiben wir nicht für Facebook. Wir schreiben nicht für Google. Wir schreiben nicht für einen Algorithmus, der heute Links drosselt, morgen Bilder bevorzugt und übermorgen so tut, als sei alles schon immer anders gemeint gewesen. Wir schreiben für Menschen, die eine Frage haben. Für jemanden, der eine verdächtige Nachricht bekommen hat. Für jemanden, der im Familienchat nicht weiterweiß. Für jemanden, der gerade kurz davor ist, auf einen Link zu klicken. Für jemanden, der nicht lauter, sondern klarer informiert werden möchte.
Soziale Medien können helfen, Inhalte sichtbar zu machen. Suchmaschinen können Menschen zu Antworten führen. Aber wenn man anfängt, Texte zuerst für diese Systeme zu bauen, verschiebt sich etwas. Dann schreibt man nicht mehr nur, damit ein Mensch etwas versteht. Man schreibt, damit eine Maschine es verteilt, bewertet, rankt oder nicht verschwinden lässt. Genau dieser Kampf um Reichweite frisst Kraft, und manchmal frisst er auch den eigentlichen Sinn.
Vielleicht ist es deshalb ehrlicher zu sagen: Wir wollen unsere Inhalte wieder stärker dort verankern, wo wir sie gemeinsam mit unseren Leserinnen und Lesern steuern können. Im Mimikama-Club. Im Newsletter. Auf unseren eigenen Seiten. In Räumen, in denen nicht Facebook entscheidet, ob ein wichtiger Hinweis überhaupt auftaucht, und nicht Google bestimmt, ob eine Erklärung noch sichtbar ist oder von einer KI-Zusammenfassung verschluckt wird.
Das heißt nicht, dass soziale Medien oder Suchmaschinen gar keine Rolle mehr spielen. Aber sie dürfen nicht der Taktgeber sein. Wenn wir nur noch danach schreiben, was Plattformen gerade mögen, verlieren wir irgendwann den Menschen aus dem Blick, für den der Text eigentlich gedacht war.
Uns kann es egaler werden, ob Facebook einen Link mag. Uns kann es egaler werden, ob Google wieder eine neue Formel für „hilfreichen Inhalt“ ausruft. Was uns nicht egal ist, ist der Leser. Die Nutzerin. Der Mensch, der eine verlässliche Antwort sucht.
Vielleicht ist das die eigentliche Kurskorrektur: weniger um Reichweite kämpfen, mehr Beziehung aufbauen. Weniger Plattformlaune, mehr eigener Raum. Weniger Schreiben für Systeme, mehr Schreiben für Menschen.
Und genau deshalb werden der Mimikama-Club und der Newsletter wichtiger. Nicht als Rückzug in eine kleine Blase, sondern als Versuch, Aufklärung wieder dorthin zu bringen, wo sie nicht ständig durch fremde Regeln zerlegt wird: direkt zu denen, die sie haben wollen.
Vielleicht ist das also kein Abschied von Social Media und auch kein Trotz gegen Google. Es ist eher der Versuch, wieder klarer zu werden: Wir wollen Menschen erreichen, nicht Systeme bespielen. Wenn Facebook uns zeigt, gut. Wenn Google uns findet, schön. Wenn KI-Systeme korrekt auf uns verweisen, gerne.
Aber verlassen sollten wir uns darauf nicht.
Deshalb werden der Mimikama-Club und der Newsletter wichtiger. Nicht als Rückzug, sondern als direkter Weg zu denen, die unsere Arbeit wirklich haben wollen.
Und ja: Kaffee machen. Kurz seufzen. Dann weitermachen.
Nur vielleicht nicht mehr nach den Regeln der Riesen.
